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Schweizer Designer

Christa_de_Carouge-neu-rw.jpg Christa de Carouge, Zürich

Ein «schwarzes Schaf» mit Erfolg

Lebendig und offen ist ihr Blick. Fragen beantwortet sie mit klarer Leichtigkeit. Man merkt sofort, dass die Frau viel in der Welt gereist ist, mit offenen Augen und wachem Geist. Der Kopf ist noch immer voller Ideen. Angeborene Kreativität, ausgelebt wie kultiviert, lässt sich nicht abschalten. Christa de Carouge ist jetzt 67 Jahre alt und die Kraft für Neues, für Innovatives, auch für Herausforderungen jeglicher Art, ging ihr nie abhanden. 25 Jahre ist es her, dass die gebürtige Baslerin im Genfer Städtchen Carouge ihr Atelier und ihren ersten Laden eröffnete, seit 15 Jahren hat sie ein zweites Domizil in der Mühle Tiefenbrunnen in Zürich. Sie gehörte 1978 zu den Pionierinnen in der Schweiz, die eine ganze Kollektion in Schwarz anfertigte. Schwarz blieb bei der Designerin auch über all die Jahre hinweg die Leitplanke - auch wenn sie diesen Herbst erstmals mit einem wahren Bouquet von starken Farben überraschte. «Nach einem Vierteljahrhundert konnte ich nicht stur bleiben», sagt sie mit einem etwas verschmitzten Lächeln, «also musste ich mal etwas anderes machen, mich weiterentwickeln.» In der Kollektion erscheinen ganze Teile in Farbe, aber auch minimalistisch gestaltete Stücke, die durch den Einsatz von farbigen Blockstreifen vitalisiert werden. Zur Farbpalette gehören Rot, Orange, Aubergine, Safran und Kurkuma. Christa de Carouge versteht die einzelnen Farben, ob nun grossflächig oder in Streifen und Blenden, als dynamische Akzente. Es sind Kraftfelder, die der Trägerin Energie spenden. Die Inspirationen dazu hat sie auf ihren unzähligen Reisen gesammelt und während zwei Jahren verarbeitet. Doch der Ausflug in die Farbenpracht bleibt ein Besuch und die Designerin betont: «Die Basis bilden nach wie vor Schwarz, Weiss und Grau. Einzig der rote Faden wird sich weiterhin durch meine Entwürfe ziehen.»

Schon immer das schwarze Schaf.

Ein Blick zurück. Immerhin sind es jetzt 25 Jahre. Christa de Carouge macht auf, kann es manchmal nicht fassen: «Ein Vierteljahrhundert! Wie habe ich das alles fertig gebracht?» Der Blick in die Vergangenheit verrät auch: Sie war schon immer ein schwarzes Schaf und ist es auch heute noch. Anpassung war ihr seit jeher ein Fremdwort, die zunehmende Globalisierung ein Gräuel. Christa de Carouge ist überzeugt: «Ich musste mich schon früh als Aussenseiterin behaupten, ansonsten hätte ich gerade in der Modewelt keine Berechtigung gehabt.» Das schwarze Schaf, das sie schon als junge Frau in sich erkannte, will sie aber nicht als bösartig oder gar vulgär verstanden wissen. Das Bürgertum im klassischen Sinne war nie ihre Welt. Geschafft hat sie es trotzdem oder gerade deshalb - denn Beharrlichkeit zeichnet ihren Weg. Doch es brauchte stets viel Kraft und positives Denken, ebenso eine gesunde Portion Humor, wenn nicht gar Ironie. «Man muss immer wieder neu den Mut finden, sich selber zu sein», sagt die Designerin mit Überzeugung und sieht dies gleichzeitig als eine Art Rezept für persönlichen Erfolg. Ein Erfolg, der nichts mit Ruhm und Geld zu tun hat.

Der Mantel als Behausung.

Um Ruhm und schnelles Geld geht es heute so vielen, auch in der Modebranche. Christa de Carouge beobachtet diese Entwicklung schon seit geraumer Zeit. Wie sieht es denn aus mit neuen kreativen Schweizer Designern und Designerinnen? Kopfschüttelnd, mit unübersehbarer Resignation die Antwort: «Da ist nichts. Déja-vu, wohin ich blicke. Keiner hat den Mut, etwas Verrücktes zu tun. Echte Newcomer werden nicht gefördert. Wir leben in einer Traumwelt, sind angepasst und altmodisch.» Ein hartes Verdikt, doch die gelernte Grafikerin bleibt auch hier klar und präzise: «Die Angst, mit innovativen Ideen anzuecken, ist zu gross. Die Menschen wollen sich dazugehörig fühlen, in Gruppen, in Clans. Passt man nicht rein, wird man nicht akzeptiert.» Traumwelten - mehr Schein als Sein. Nichts für eine Christa de Carouge. Sie liebt das Greifbare, will es weiterentwickeln. «Alles kommt von innen, alles will sein und nicht im Schein untergehen», so die Modemacherin. Die vielen Reisen und das Beobachten von Menschen sind Input pur, sei es im Tibet, in Japan, China oder in islamischen Ländern. Inspirationen von Nomadenvölkern, ständig in Bewegung, reduziert auf ein Minimum, damit das Weitergehen nicht zur Last wird. So wird für Christa de Carouge ein Mantel auch zur Behausung. Rational denkt sie, daraus macht sie keinen Hehl. Dennoch steckt in ihrer Arbeit auch viel Liebe und Leidenschaft. Wer sich selber treu bleibt, erhält eben auch die nötige Energie zum Durchhalten. Zeit spielt dann keine Rolle, Vollgas geben, lautet das Motto.

Zwei Geschäfte am selben Standort.

2002 die Eröffnung von Christa de Carouge Homme. Gleich vis-à-vis ihres Stammgeschäfts in der Mühle Tiefenbrunnen. Geführt wird der Haka-Laden von ihrem Lebenspartner André Hirzel. Die Lancierung war erfolgreich und die Modemacherin ist erfreut, wie viel Wert Männer heute auf Individualität legen. Zu den Kunden gehören Freischaffende, aber auch Anwälte und Juristen. Für das kommende Jahr kündigt Christa de Carouge spezielle Anlässe an, und das gilt für beide Geschäfte. Die Mühle Tiefenbrunnen als Ort der Inspiration. Einem Workshop gleich, will sie die Leute dort einladen, ihnen neue Sujets präsentieren oder einen speziellen Fokus geben, sei es auf eine Hemd-Jacke oder einen Schal. Wie kann man ein Kleidungsstück noch tragen? Oder wie binde ich einen Turban richtig? Die Designerin will aufzeigen, wie man sich anzieht und wie man sich mit wenig Mitteln verändern kann. Ein Austausch soll es sein, aber auch eine angeregte Diskussion sowie eine fachgerechte Stilberatung. Sie sieht ihr Domizil etwas ausserhalb von Zürich als eine Art Oase, wo man sich Zeit nimmt und wo man ohne Kaufzwang optimal beraten wird.

Christa de Zurich.

Aus der Mühle, da geht sie auf keinen Fall mehr weg. Zürich wird für Christa de Carouge auch immer mehr zu einer grossen Liebe. Die folgende Aussage der Künstlerin mag dann gar nicht mehr überraschen: «Wenn ich in naher Zukunft etwas aufgebe, dann ist es mein Domizil in Carouge!» Was ist der Grund für diesen Bruch? «Carouge hat eindeutig an Lebensqualität verloren», sagt sie und liefert gleich die Erklärung, «es gibt keine traditionellen Lebensmittel-Läden mehr, nur noch Grossanbieter und Einkaufszentren.»

Für Christa de Carouge braucht es gerade diese «Lädeli».

Sie machen den Charme eines Städtchens aus, sie sind gelebte Kultur, die erhalten bleiben sollte. Fasziniert ist die Künstlerin hingegen von Zürich, bezeichnet sich selbst sogar als Zürcherin. Hiess es früher, Genf sei eine Art «Petit Paris», so möchte sie diese Ehre heute der Stadt an der Limmat zukommen lassen. Wenn sie über Zürich spricht, fangen ihre Augen an zu funkeln: «Zürich ist interessant und vielfältig, hier kommt sich Alt und Jung näher, hier wird Kultur gelebt.» Wird aus Christa de Carouge bald Christa de Zurich? Wieder das verschmitzte Lachen, ein Schulterzucken. «Das käme der Wahrheit jedenfalls sehr nahe!»

Peter Wäch
(TR 29 vom 28. November 2003)


Christa de Carouge
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